Jubiläumprogramm "XL - 40 Jahre Kunsthaus Essen"

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Chronisten der Darstellung

Claudia Piepenbrock
12.11. - 17.12.2017 | Eröffnung: Sonntag, 12.11.2017 um 16 Uhr, Einführung: Dr. Uwe Schramm

Claudia Piepenbrocks Arbeiten zeichnen sich durch eine Vielschichtigkeit aus, die den Betrachter zugleich anzieht und auf Distanz hält. Klar und komplex betreibt die Künstlerin konsequent die Verschmelzung pardoxer Zustände. Material und Konzept, Taktilität, eine haptische Gewissheit und Abstraktion verbinden sich in ihren eigenwilligen Material-Ensembles zu einem Konglomerat von Zuständlichkeiten, in dem Alltägliches zu Besonderem mutiert und Vernunft auf Emotion prallt. Nichts erscheint selbstverständlich und doch alles vertraut. Materielles und Immaterielles, Nähe und Distanz kulminieren in einer intensiven körperlichen Erfahrung, in der Zufall und Kontrolle, Dynamik und Statik, Ruhe und Bewegung, Leichtigkeit und Schwere, Halt und Spannung, Eigenheit wie Fremdheit nicht als Gegensätze, sondern als wechselseitiges Referenzsystem aufgerufen werden. Claudia Piepenbrocks Arbeiten erscheinen als Chronisten der eigenen potenziellen Veränderbarkeit. Mit ihnen zeigt sich die gegenwärtige Existenz als temporärer Zustand, der Formen der Unabgeschlossenheit und Unabschließbarkeit in sich trägt.

 2017 piepenbrock

Als Skulpturen im Raum strukturieren und verändern diese Arbeiten ihre Umgebung. Ihre prägnanten Ausformungen lassen voluminöse Körper entstehen, die mit ihrer weichen, biegsamen Materialität Assoziationen an organische Wesen aufkeimen lassen. Die Farbigkeit wechselt zwischen Gelb-, Grün-, Orange- und Rosatönen, während die sich vorwölbenden Oberflächen durch horizontal verlaufende Schnitte und Streifenmuster strukturiert werden. Mit den umfassenden Stahlrahmen werden Flächenformen definiert und als bildhafte Darstellungsträger erfahrbar.
Die stahlgerahmten Schaumstoffkerne inszenieren als skulpturale Setzungen im Raum den Körper als existenzielle Schnittstelle, an der sich die in der Produktion gewonnene Erfahrung mit der durch die Rezeption ausgelösten Empfindung zu einem Zustand permanenter Interferenz verdichtet. Organisch und doch abstrakt erscheinen Claudia Piepenbrocks Werke als plastische Gesten der Selbstversicherung. Mit den seitlichen Öffnungen der aus farbigen Schaumstoffflächen gebildeten Kabinen, die sich mit scheinbar eigenständiger Vitalität expansiv in den Raum wölben, offenbart sich ein betretbarer enger Innenraum, der für die Betrachter sowohl sinnlich als auch mental erlebbar wird. Betritt man das Innere der Kabine, scheint die Außenwelt mit ihren Geräuschen und optischen Reizen weitgehend ausgeblendet zu sein. Ganz auf sich selbst, auf die eigene körperliche Existenz und auf essentielle Bedürfnisse zurückgeworfen, gerät die vorübergehende Erfahrung von Ruhe und Abgeschiedenheit für die Rezipienten zu einem intensiven Erlebnis. Die Kabinen lassen damit Orte entstehen, die sich konzeptionell von jenen öffentlichen Orten unterscheiden, an denen normative gesellschaftliche Handlungsmuster vorherrschen. Piepenbrocks Arbeiten bilden skulptural formulierte Zonen des Übergangs. Mit ihrer isolierenden Materialität bieten sie Schutz für das eigene sinnliche Erleben und tragen so in sich den Verweis auf gesellschaftliche Freiräume.
Das Interesse der Künstlerin an der Visualisierung von Prozesshaftigkeit und Transformation gewinnt mit einer Serie von Papierarbeiten eine weitere Erfahrungsdimension. Ihre Selfies und großformatigen prints erscheinen als Darstellungsträger von vorübergehenden Zuständen. Bildkonstruierend sind neben bestimmten Belichtungspositionen aus Stoffstücken gefertigte Flächenformen, die sich überlappen oder teilweise verdeckt und mittels direkter Belichtung in einem jeweils gegebenen Zustand fixiert sind. Ihre Ablichtung führt damit zur Selbstabbildung, zur Darstellung einer besonderen wie eigenständigen, zustandsgebundenen Identität.
Mit Claudia Piepenbrocks Sprachskulptur 3 öffnet sich schließlich eine weitere Dimension ihres künstlerischen Schaffens. Die Auseinandersetzung mit Begriffen wie »Darstellen«, »Wahn«, »Fetisch« und »Zuhören« führt zu Fragen der Selbstdarstellung, Abbildung, Zurschaustellung, der Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit von Repräsentationsmustern und -systemen sowie zu deren gesellschaftlicher Relevanz: Im Ausstellungsraum befindet sich ein flaches Podest, das als prägnante skulpturale Setzung den Blick und die Aufmerksamkeit der Betrachter fokussiert. Seine begehbare Standfläche besteht aus einer Ansammlung silberner Metallkugeln. In eine bestimmte Ordnung gebracht, bilden sie ein in sich bewegliches Konstrukt, das den Gleichgewichtssinn der Ausstellungsbesucher herausfordert. Mit einer gewissen Vorsicht muss zunächst der eigene Körper in Balance gebracht werden, um sich auf die weiteren inszenatorischen Eingriffe der Künstlerin einlassen und konzentrieren zu können. Aus Lautsprechern sind gesprochene Worte und Sätze vernehmbar, die die Bandbreite und Bedeutungstiefen der eingangs genannten Begriffsfelder weitreichend ausloten. Dabei erscheint das Formulieren und Ausformen von Worten verschiedene Referenzpunkte im übrigen Werk der Künstlerin zu finden. Die Welt der Sprache ist als eine Art Steinbruch zu verstehen, dessen verbale Versatzstücke von Claudia Piepenbrock wie skulpturales Material bearbeitet, miteinander kombiniert, um eine bestimmte Idee herum formt, aushöhlt oder verdichtet werden, um damit den Darstellungs- und Bedeutungsgehalt von Worten, Sätzen und Begriffen grundlegend neu zu definieren, ähnlich der beständig in Balanceübungen begriffenen eigenen Position auf einem beweglichen Podest.
Uwe Schramm

 

Kabinettstücke

Alexeider Abad Gonzalez, Anne Berlit, Anna Betzl-Reitmeier, Pavlina Cerná, Marta Colombo, Renate Neuser, Johanna Schwarz, Alex Werth,
Christoph Hildebrand, Léon Howahr, Stephan von Knobloch, Roman Kochanski, Colin Penno - und als Special Guest Claudia Piepenbrock

12.11. - 17.12.2017

KunsthauskünstlerInnen stellen aus und laden ein. Zum XL Jubiläum zeigen die Kunsthauskünstlerinnen und -künstler Kabinettstücke im kleinsten Ausstellungsraum des Kunsthauses - dem Kabinett.

 2017 kabinett

 

Nils Bleibtreu

28.1. - 4.3.2018 | Eröffnung: Sonntag, 28.1.2018 um 16 Uhr, Einführung: Dr. Uwe Schramm

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Nils Bleibtreu - Über meine Arbeit

Als jemand, der in der postindustriellen Umgebung des Ruhrgebiets aufgewachsen ist, habe ich meine Anreize immer von dem vermeintlich Falschen und Kaputten bezogen. Das Imperfekte und Fehlerhafte sind zentrale Referenzpunkte meiner Arbeit.
Während meines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von Tal R war ich weiterhin auf der Suche nach einem an der Malerei geschultem Ausdruck, der genauso zwischen „Hoch“ und „Tief“ oszilliert wie ein Seismograf, der die minimalen tektonischen Verschiebungen einfängt, die mich und andere bewegen. Mein Ansatz war stets ein auf vorsichtige, spielerische, gefährliche Weise reaktiver. Meine Bilder sind Austragungsorte, in denen ich randaliere, bis die notwendigen Formen sich materialisieren. Die Methoden des Samplings und des Rearrangements markieren die Eckpfeiler derjenigen Resonanzräume, in die ich rufen möchte.
Ich benutze hauptsächlich Baumaterialien wie gewelltes Polyester, Malervlies, Kratzputz, Staub, Sand, Atelierreste und wasserbasierte Autolacke. Diese Materialen erzeugen die notwendigen Effekte in Fragen der Materialität, der Farbgebung und der Viskösität, während der notwendigerweise schnelle Auftrag eine Art der Kontrollabgabe darstellt, die für meine Arbeit schon immer zentral war. Während meiner Jugend habe ich Graffti gemalt. Als ich anfing zu studieren, musste ich feststellen, das Graffti für mich eine Sackgasse ist. Wenn es eine Art gibt, auf die
Graffti meine heutige Arbeit beeinfusst, dann liegt dieser Einfuss in der Natur der zufälligen Momente, in denen etwas scheitert.
Das traditionelle Malen mit dem Pinsel aufzugeben, bedeutet für mich, die Narrative, die in Objekten und Materialen liegen, und die nicht nach meiner schöpferischen Tat verlangen, anzuerkennen und mit ihnen zu arbeiten. Ihre vermeintlichen Fehler werden so weitere Referenz- und Manipulationsfaktoren.

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Mein Nachdenken darüber, wie nicht-fktive Ansätze den Schaffenden und die Betrachtende zugleich dazu befähigen, sich mit „Realität“ auseinander- und in Dialog zu setzen, hat für mich dazu geführt, dass ich vermehrt essayistische, non-fktive, dialektische Methodologien in meine Arbeit einfießen lasse. Widerspruch, Opposition, negative capability - die Fähigkeit, in einem unsicheren Zustand voller Geheimnisse und Zweifel zu verharren, ohne nervös nach Fakten und Vernunft Ausschau zu halten - genauso wie Aneignung und Sampling machen die zentralen Methoden meiner Arbeit aus.
In einer Geschichte von Roberto Bolaño habe ich ein Zitat gefunden, dass die Dringlichkeit, die ich im Angesicht des (Hyper-)Realen und der ästhetischen Potentiale des Vorgefundenen empfnde, einfängt: „Wir glauben, wir hätten alles unter Kontrolle, wir glauben, dass das, was uns entgeht, nicht wichtig sei. Aber alles ist wichtig, alter Junge! Wir machen uns das nur nicht klar. Wir glauben, die Kunst verlaufe auf der einen Straßenseite und das Leben, unser Leben, auf der anderen, und merken nicht, dass das gelogen ist.“
Wenn es zwei Straßenseiten gibt, bedeutet das, dass ich zwischen dem „originär aus mir“ kommenden Impuls einerseits und dem Impuls, den mir die Realität zuspielt andererseits wählen kann. Aber wenn es diese Straßenseiten genauso wenig gibt wie die Grenze zwischen „fktiv“ und „nicht-fktiv“, dann gibt es nur einen Weg, und der enthält Lügen genauso wie Projektionen genauso wie Fakten. Ich will die Schwerkraft des Zeitgenössischen befragen, die aus dieser Denkschule kommt. Meine Arbeit fndet an der Grenze zwischen Bild und Readymade statt, sie lehnt die Sicherheiten ab, denn der Moment des Zweifeln, der in jedem neuen Versuch liegt, ist unabdingbar für sie.

 

Lars Rosenbohm

15.4. - 20.5.2018  | Eröffnung: Sonntag, 15.4..2018 um 16 Uhr, Einführung: Dr. Uwe Schramm

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Lars Rosenbohm (geb. 1971, lebt und arbeitet im Künstlerhaus Artists Unlimited, Bielefeld) ist vornehmlich Zeichner. Hinzu treten in seinem Werk aber immer wieder auch Ausflüge in die Malerei sowie in die Arbeit mit dem klassischen Medium Collage, das der Künstler auf spezielle Weise zu neuem Leben erweckt.

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Lars Rosenbohms Zeichnungen entstehen schnell und spontan. Textfragmente oder Begriffe aus Songs, Zeitungen und Gesprächen wechseln sich ab mit mehr oder weniger erkennbaren Motiven. Rosenbohm deutet an und ruft Erinnerungen hervor. Er interessiert sich für das Zweifeln und das Scheitern im Leben und für die Frage nach dem Sinn. Seine Bilder sind als Versuch einer Antwort zu deuten.
Die Malerei von Lars Rosenbohm ist geprägt von einem kraftvollen Pinselstrich und vehementen Übermalungen. Die Portraits zeigen jedoch vielmehr verzerrte Fratzen als Gesichter. Emotionen wie Angst, Schuld und Scham, aber auch Wut kommen darin zum Ausdruck, als ließen diese Kreaturen zwischen Mensch und Tier etwas an die Oberfläche drängen, das es eigentlich zu verbergen gilt. Der Künstler scheint den ständigen Kampf zwischen triebhaften Bedürfnissen und einer kontrollierenden Instanz zu Papier zu bringen. Als „Portraits des Inneren“ verbildlichen die Arbeiten auf diese Weise einen Konflikt mit dem schuldbeladenen Gewissen, das das eigene Handeln entweder verdrängt oder schamvoll zu unterdrücken versucht.
Ausgehend von seinem gesamten in die Breite gehenden Kunstschaffen beschäftigt sich Rosenbohm speziell mit dem Thema der Maske und seinen Implikationen als Strategie des Verdeckens und somit auch immer des (Nicht-)Zeigens. Eine Tapete aus seinem Archiv aus spontan entstandenen Kohle-Zeichnungen, die egalitär und unkorrigiert als Untergrund dienen, werden von großformatigen, massiven Malereien teilweise verdeckt. Diese performativen Arbeiten, die das permanente Tun und den künstlerischen Schaffensprozess offenlegen sind wiederum aus unterschiedlichen Versatzstücken und Materialien zusammengesetzt. Dabei entstehen diese Collagen zum Teil aus vorhandenen Arbeiten, die nun zum Träger werden können. Rosenbohms Werk lässt das Auge der Betrachter nicht ruhen und entzieht sich tradierten Vorstellungen von der Rezeption von Malerei als kontemplativem Gestus.

 

 

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